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Premiere am 19. März 2015

Enigma -
Man weiß nie, wen man liebt

von  Eric-Emmanuel Schmitt

Aus dem Französischen von Annette und Paul Bäcker
Theater Verlag Desch / Felix Bloch Erben

mit Thomas Dehler und Michael Mienert

Regie: Anke Salzmann
Bühne & Kostüme: Anja Ackermann

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Norwegen. Eine kleine Insel hoch oben im Norden. Ein Schriftsteller - Abel Znorko, Nobelpreisträger, der hier zurückgezogen lebt und schreibt.

Unlängst wurde sein neues Buch veröffentlicht. Was Thematik, Stilistik und philosophischen Anspruch betrifft, steht dieses Buch in einem unübersehbaren Kontrast zum bisherigen Werk des Schriftstellers. Überraschenderweise ist es bei Lesern und Kritik dennoch ein sensationeller Erfolg.

Nun bekommt Znorko Besuch von einem Journalisten, der anscheinend hinter dem Rätsel des Buches etwas wittert... vielleicht eine publikumswirksame private Story?
Es beginnt ein gegenseitiges Versteckspiel, das sich rasch zu einer spannungsgeladenen Begegnung entwickelt, mit grotesk-komischen wie auch berührenden Momenten.

Ein Stück, das von unserem Bedürfnis nach Miteinander und Nähe erzählt, von Leidenschaft, Ängsten, selbst geschaffenen Gefängnissen, dem Streben nach Autonomie und Selbstverwirklichung - und von unserem manchmal absurd-traurig-komischen Kampf gegen uns selbst...


Dresdner Neueste Nachrichten schreiben am 23.03.2015 auf Seite 9:

Zwei Männer, sieben Schüsse

Anke Salzmann inszeniert Schmitts "Enigma" auf dem Theaterkahn als prickelndes Kammerspiel

Als schwierigste Aufgabe eines Rezensenten erscheint es, lohnenswerte Inszenierungen vorm geneigten Leser insofern zu schützen, als dass er alle Neugier behält. Das ist bei Anke Salzmanns "Enigma" besonders schwierig, die jetzt in einer neuen Version auf dem Theaterkahn zu sehen ist.

Das mag trivial scheinen, zumal es keinen veröffentlichten Text des französischen Autors Eric-Emmanuel Schmitt gibt, der nicht funktioniert. Dieser ist von Berufs wegen Philosoph und kein Provokateur, so dass er nie auf einen ambivalenten Satiretitel geriete. Das heißt auch: Jede Pointe und jede Wirkung ist logisch durchdacht - und dennoch ereilt einen diese meist hilflos auf emotionaler Ebene.

Dabei ist das Sujet arg klischeebehaftet: Erfahrener erfolgreicher Schriftsteller trifft jungen, dynamischen Journalisten zum Interview. Schöpfer versus Berichter - so geißelt ersterer das ungleiche Duell auf einer einsamen norwegischen Insel, wo der Fährmann dem Nobelpreisträger Abel Znorko nicht nur Nahrung, sondern auch ab und an ein williges Weib bringt. Doch des Menschenfeindes wahre Muse, eigentlich anfangs nur eine Affäre, ist weit weg - und schreibt nicht mehr den täglichen Brief. So veröffentlicht er den Briefwechsel als fiktiven Roman - und selbst die ärgsten Kritiker sind plötzlich voll des Lobes über die neue Authentizität des sonst so philosophisch Verbrämten.

So beantwortet er die Anfrage des jungen Journalisten aus der Heimatstadt seiner Muse nicht ohne Hintergedanken. Er verließ sie einst, um nicht per stinknormalem Sex oder gar Alltag das Besondere dieser Beziehung zu gefährden, die als unerfüllte Brieffreundschaft höhere Weihen versprach. Er will den Journalisten zum persönlichen Boten für einen letzten Brief küren, dafür gibt es eine Story, für die der Chefredakteur selbst als Analphabet nicht nur eine halbe Kulturseite herausrückt.

Doch Erik Larsen, der sich als anfangs unbedarfter, später ganz genauer Kenner von Znorkos Werk entpuppt, das er nicht sonderlich mag, weiß weit mehr, als gut für Znorko ist - zum Beispiel, dass er seinen ganzen Reichtum seit zehn Jahren der Krebsforschung spendet. Im Gegensatz zu anderen jedoch geheim, ohne darüber zu reden. Und er weiß um die Vorliebe für Edward Elgars "Enigma-Variationen", ähnlich geheimnisbeladen wie Briefwechsel, Buch und Stück.

Regisseurin Anke Salzmann, in Dresden jüngst mit "Der Vorname" am Societaetstheater auffällig, inszeniert dieses Kammerspiel, in dem sich dank mehrerer Wendungen die Ausgangslage mählich verschiebt, als prickelnden Zweikampf, der als normales Interview beginnt. Anders als auf der Radebeuler Studiobühne anno 2003, wo sich Olaf Hörbe als liebeskranker Literat und Matthias Henkel als vermeintlicher Journalist eindrucksvoll duellierten, sind hier Thomas Dehler und Michael Mienert in einer kompakteren Textfassung näher beieinander. Beiden gönnt Salzmann Pausen zum puren Mienenspiel, bei dem man gerne zuschaut, auch weil sich die Geschichte immer mehr zum Thriller entwickelt, in der jede Flucht durch Schüsse gestoppt wird.

Ausstatterin Anja Ackermann verdichtet den Raum mit einer riesigen blauen Pinnwand, vor dem ein kleiner Schreibtisch mit -maschine drauf steht, und baut links einen netten Kamin. Sie packt den Dichter in Waldklamotten plus Bademantel und den Journalisten in schicke Kleidung mit Outdoor-Anspruch. Der bewegliche Chefroll- und -drehsessel und die Fußbank symbolisieren die Ausgangslage, die später in Verkehrung und Verzweiflung endet.

Bei der klugen Spielplangestaltung, die der Theaterkahn pflegt, scheint der Inszenierung ein langes Leben garantiert zu sein. Es taugt zwar nicht zum generationsübergreifenden Schenkelklopfer in großer Familienaufstellung, aber gut für alle denkbaren Zweier- und Dreierkonstellationen ab einer grundlegenden Literaturaffinität. Und gut als Reflektionsgrundlage für alle Arten von Paartherapien - dies sogar vorbeugend. Vor Risiken und Nebenwirkungen sei gewarnt: Alle Gänsehautattacken nach der Pause liegen nur am Stück selbst. Ein Geheimtipp zur Damenüberzeugung: In der Pariser Uraufführung vor zwanzig Jahren spielte Alain Delon den Znorko.

Andreas Herrmann | DNN, 23.03.2015, Seite 9